The Boys von Garth Ennis: Hier gibt es keine Superhelden

The Boys Volume One - Dynamite Comics (über Amazon.de)
The Boys Volume One - Dynamite Comics (über Amazon.de)
"The Boys" von Garth Ennis zeigt den Lesern, dass die Comicsuperhelden in den bunten Kostümen gar nicht so super sind, wie sie uns glauben lassen möchten.

Hughie trauert um seine Freundin. Diese wurde von A-Train, einem der berühmtesten Superhelden der Welt, getötet, als der auf der Jagd nach einem Verbrecher war. Da A-Train die Angelegenheit ziemlich egal ist, sieht Hughie die kostümierten Superhelden, die es zuhauf auf diesem Planeten gibt, zum ersten Mal so, wie sie wirklich sind: Als rücksichtslose, überhebliche und egoistische Soziopathen. Als dann später einige Mitglieder des amerikanischen Unternehmens "Vought American" bei ihm auftauchen und ihn - vergütet mit einigen Millionen Dollar - dazu bringen wollen, sich schriftlich zur Verschwiegenheit zu verpflichten, wird Hughie auch noch wütend. Nur ist es eine hilflose Wut, da er genau weiß, dass er allein nichts unternehmen kann, um A-Train das Handwerk zu legen. Dieser ist nämlich nicht nur mit Superkräften ausgestattet, sondern auch noch das neueste Mitglied von "The Seven", dem berühmtesten Superheldenteam weltweit.

Ein unwiderstehliches Angebot

(An dieser Stelle ist eine Spoilerwarnung wohl angebracht) Als Hughie mal wieder einen einsamen Tag im Park verbringt, taucht plötzlich ein Fremder auf, der sich ihm als Bill vorstellt. Bill verspricht ihm, dass Hughie gemeinsam mit ihm und seinen Leuten den Jungs und Mädels in den bunten Kostümen so richtig in den Hintern treten kann. Kein Wunder, dass Hughie auf dieses Angebot eingeht. Das Problem dabei ist nur, dass Bill und seine Truppe noch viel durchgeknallter sind, als die in der Öffentlichkeit von "Vought American" als "Superhelden" verkauften Gestalten. So neigt zum Beispiel die stumme Asiatin im Team dazu, jeden Menschen, der sie anfasst, durch eine bloße Berührung regelrecht auszuweiden. Frenchie mag es offenbar ebenfalls, wenn er anderen Leuten den Schädel einschlagen kann. Mothers Milk trägt diesen Namen aus einem ganz speziellen Grund. Und den Spitznamen "Butcher" hat Bill auch nicht nur deshalb, weil er so schön klingt. Hughie lernt mit der Zeit, dass sein Chef seine eigenen ganz persönlichen Gründe für die Jagd auf Superhelden hat: Er will sich am Homelander, dem Anführer der "Seven", für die Vergewaltigung und den kurz darauffolgenden Tod seiner Frau rächen. Deshalb schreckt er auch nicht davor zurück, Hughie mit einem Serum namens "Compound V" zu impfen. "Compund V" ist der Stoff, der normalen Menschen zu Superkräften verhilft. Entwickelt wurde "Compound V" von "Vought American", der Organisation, welche nicht nur alle Superhelden kontrolliert, sondern auch erschafft...

Garth Ennis' Sichtweise der Superhelden in "The Boys"

Garth Ennis betrachtet mit seiner Serie "The Boys" das Superheldengenre aus einem anderen Blickwinkel. Ziemlich drastisch zeigt er gemeinsam mit den Illustratoren Darick Robertson,Carlos Ezquerra, John McCrea und Keith Burns bereits auf den ersten Seiten, dass es in seinem Werk so etwas wie strahlende Helden nicht gibt. Im Gegenteil spielt er im Verlauf der Geschichte sehr geschickt damit, dass das durch die Propaganda-Comics erzeugte Image der Helden oft genau dem Gegenteil von dem entspricht, wie ihre Persönlichkeit wirklich aussieht. Das interessanteste Beispiel hierfür ist der Homelander, der nach außen hin wie der absolut souveräne Anführer wirkt (und der - so wie alle anderen Superhelden in "The Boys" auch eine Anspielung auf andere Comichelden sind - eindeutig eine Superman-Parodie ist) und in Wahrheit so wirkt, als würde sein Gottkomplex nur noch von seiner inneren Unsicherheit übertroffen werden. Wenn der Typ mit dem Überkompensieren beginnt (und das tut er öfters), sollte man lieber in Deckung gehen.

Ennis begeht dabei aber nicht den einfachen Weg und zeichnet die Hauptcharaktere als strahlende Helden. Wenn die "Boys" dabei sind, mit einem Superheldenteam aufzuräumen weiß man als Leser oft gar nicht, wem man die Daumen drücken soll, wenn man sieht, mit welcher Brutalität die "Boys" gegen ihre Widersacher vorgehen. Denn was Blut (und Sex) angeht, gehen Garth Ennis und Co über die volle Distanz, das heißt hier wird nichts angedeutet sondern jede Aktion in allen blutigen Details gezeigt.

"The Boys": Vielschichtig und fesselnd

Man kann über die Charaktere in "The Boys" sagen, was man will, eines sind sie jedenfalls nicht: Eindimensional. Im Verlauf der Geschichte lernt man jede Figur mit ihren guten und schlechten Eigenschaften kennen und Ennis schafft es, dass den Lesern die Hauptfiguren trotz all ihrer Grausamkeit dennoch irgendwie sympathisch bleiben. So wirken "Mothers Milk" und "Butcher Bill" wie genau die Art von Kerl, die man mitten in der Nacht anrufen und stundenlang die eigenen Probleme bereden kann und das, obwohl sie erst vor drei Seiten den nächstbesten Mann mit buntem Umhang mit dem Kopf voraus durch die nächste Betonwand gedonnert haben.

Die Geschichte selbst ist aber auch einfach sehr spannend. Man kann sich den Homelander, Vought American und Butcher Bill auch genauso gut als Schachspieler vorstellen, die Zug um Zug versuchen, dem Gegner eins auszuwischen. Mit oft tödlichen Konsequenzen für alle Beteiligten.

Fazit zu "The Boys"

"The Boys" von Garth Ennis ist eine großartige Comicreihe nicht für diejenigen, welche einmal die Comichelden aus einer anderen Perspektive sehen wollen und kann uneingeschränkt empfohlen werden.

Udo Seelhofer, Udo Seelhofer

Udo Seelhofer - Studium: Deutsche Philologie (abgeschlossen) Kombinierte Religionspädagogik (im letzten Abschnitt) Arbeit: Seit Oktober 2006 ...

rss
Hilfreich?